Rvela das Strassenkind 4

Sie nennt sich WALA, weil Rvela eine indische Gottheit ist, sie jedoch Katholikin ist.

Wala mit neuem Händi G'Five aus China


Kennengelernt habe ich sie vor fünf Jahren, als sie mich mit einem raffinierten Marketingtrick ‚geangelt‘ hat.

Das 'Broadlands Groupie' Wala vor fünf Jahren

Siehe dazu mein Blog Beitrag vom Jahre 2005.
Diese Jahr fand ich sie wieder, kaum eine halbe Stunde nach meinem Eintreffen in Chennai in der Triplicane High Road. Sie telefonierte gerade an einem Kiosk und hatte mich bereits im Visier.Wala entgeht nichts. Ich kann auf der Triplicane High Road laufen und sehe sie nicht, während sie mir bereits unauffällig folgt. Sie ist auf der Strasse aufgewachsen, ihre Eltern
sind tot, der Vater hat sich die Gurgel abgesoffen, ein grosses Problem unter den Ärmsten, die Mutter starb an einem Herzschlag danach. Wala ist verantwortlich für das Wohlergehen ihrer über achzigjährigen Grossmutter. Sie hat noch einen Bruder und eine Schwester, beide verheiratet. Wala ist noch auf der Suche nach einem ‚guten‘ Bräutigam, was jedoch nicht einfach ist, da sie ja keinerlei Besitz hat.
Jede Rupie die sie ergattert ist bald wieder weg. Sie arbeitet in einer Werkstatt, die schrottreife Autoanlasser und Zündspulen zerlegt und das Kupfer erntet. Eine harte Arbeit wofür sie im Monat nur 700 Rs bekommt. Ich habe diese baufällige Werkstatt besucht und mit dem Leiter gesprochen. Er ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Jetzt aber hat sie ein Problem mit ihrer rechten Hand, der Zeigeinger ist blasig und
ihr Daumen tut ihr weh. Ich schickte sie zur Ärztin, Kosten 350 Rs, die ich übernahm. Die Doktorin verband ihre rechte Hand, Wala kann nun nicht mehr arbeiten. Das braucht sie jetzt auch nicht mehr, ihr sie geht mit mir ins Restaurant. Sie ist Feinschmeckerin und kennt das beste Fischrestaurant von Triplcane das ‚Hotel Sealord‘, dort gibt es die besten Fischspeisen von Triplicane, was ich und sie ausgiebig genossen.
Ich habe ihr zu vestehen ggeben, dass ich keine Almosen verteile, jedoch Essen bekommt sie jeden Tag von mir, so haben wir beide Vorteile. Sie bekommt ihr Essen und ich Unterhaltung und Informationen. Sie nimmt immer für ihre Oma ein Essenpaket mit und dazu die Reste unseres Essens. Das Essen ist immer reichhaltig, sodass ich nur etwa ein Drittel meiner Reisration und zwei Drittel des Curry verzehre.
Ich solle ihr ein Händi kaufen, damit sie jederzeit von mir erreichbar wäre, sie könnte auch Beorgungen machen. Was kostet so ein Händi fragte ich, ca 1000 Rs war die Antwort, also los zu ‚ihrem‘ Mobilshop um die Ecke. Sie hatte sich bereits genau erkundigt und wollte ein G’Five mit Musik und Radio, das allerdings schon 2000 Rs kostet. Ich liess mich erweichen und kaufte das gute Stück für sie, dazu auch ein Chip 2GB gross,
nochmal 350 Rs, sogar ein kleiner Lautsprecher und Kopfhörer war dabei. Stolz zeigte sie jedermann ihr Stausymbol und schon am nächsten Tag wurde ihr Kofhörer und Lautsprecher gestohlen. Um das Mobil funktionsfähig zu machen braucht es eine SIM-Karte für 99 Rs. Dazu braucht sie auch ein Passfoto, also auf zum Fotografen. Sie will schön aussehen und braucht einen neuen Sari für 400 Rs. Die Bluse muss geschneidert werden, nochmal 250 Rs.
Am 15. Dzember hat sie Geburtstag, damit hat sie schon das passende Geschenk, nämlich das Mobil.
Nächstes Problem sie muss ihre ID-Karte vorlegen. Diese hat sie nicht, sie ist nirgends registriert. Sie weiss ja noch nicht einmal ihr Geburtsjahr, sie ist ein indischer Nobody. Alle Slumbewohner ‚existiern‘ offiziell überhaupt nicht. ‚No problem‘ ein befreundeter Taxifahrer übernimmt die Registrierung der SIM-Karte, kostet 200 Rs. Endlich ist das Mobil funktionsfähig und noch in derselben Nacht nimmt sie das Angebot wahr Musik und ein paar Videos auf ihr Händi
zu laden. Die 50 Rs Telefonprepaid sind alle. In dieser Nacht habe ich ihr 1 GB indiche Musik auf ihre Musikmaschine geladen, she is very happy und verzichtet fortan auf Angebote ihres Providers. Alle SMS werden ab jetzt gelöscht, sie kann ja sowieso nicht lesen. Sie schreibt nur ihren Vornamen, den Nachnemen motiert mir ein Hotelchef.

In mein Hotel kommt sie nicht rein, überhaupt in kein Hotel, sie hat ja keine ID-card. ‚No problem‘ jetzt kann sie mich ja jederzeit anrufen, wovon sie ausgiebig Gebrauch macht. Ich habe einen Wunsch: Mein Hotel Broadlands ist nicht sehr sauber. Es wird grundsätzlich nur mit dem Besen geputzt, der Boden ist dreckig, ich kann im Zimmer nicht barfuss laufen. No problem Wala anrufen, zwei schöne Matten bestellen und Wala bringt sie mir vors Hotel. Kosten 160 Rs. Ich hätte bestimmt
den dreifachen Preis bezahlt. Mit den Matten haben wir ein kleines Geschäft aufgezogen. Viele Hotelbewohner wollen auch so schöne Matten. Sie bekommt jeweils 100 Rs pro Matte, eine nachhaltige Einnahmensquelle für Wala.
Ab jetzt muss sie mir für jede Ausgabe Quittungen vorlegen. Das klappt auch ganz gut, bis auf die Hospitalrechnung für ihre Hand. Sie hat einen Zettel mit Stempel und irgendwelchen Text, aber ohne Preis. Ich erfahre der Hospitalbesuch ‚is free‘, aber ich will ja nicht pöpstlicher als der Papst sein.
Am nächsten Tag kommt sie mit einem riesigen Pflaster auf dem Rücken und Nacken an und klagt über heftige Nackenschmerzen und will wieder zum Doktor für 350 Rs. Ich sage ihr, im Hotel gibt es eine Doktorin (Operationsschwester) aus Köln Germany. Diese will sie aber nicht konsultieren und am nächsten Tag war das Pflaster und die Schmerzen komplett verschwunden und bewies mir dies mit heftigen schmerzfreien Kopfbewegungen. Ab jetzt wurde sie vorsichtig mit solchen Sachen, den Sponsor will sie schliesslich
nicht verlieren.

Geburtstag: Er sollte bei ihrer Schwester in ihrer Slumhütte am Adyarriver stattfinden. Ich kenne sie bereits schon vor 3 Jahren, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie sah blendend aus, aber jetzt völlig ausgemergelt, siehe Fots.
Es sollte ein tolles Fest mit Geburtstagstorte Luftballons und Essen werden. Anscheined gab es einen heftigen Streit unter den Schwestern, weil Wala ‚von ihrem vielen Geld‘ nichts abgeben wollte. Sie glaubte nicht, dass sie nur das Notwendisgste von mir bekam. Das Fest wurde sofort von Wala in einen Hindutempel umarrangiert. Sie ist dort hochwillkommen (die katholische Kirche kümmert sich anscheinend nicht um bettelarme Schafe) und stellt einen Raum im Tempel zur Verfügung.
Festfreude will aber nicht aufkommen, Walas Familie und Freunde sind nicht dort.
Neid kommt auf im Slum, jeder will jetzt ein Händi, auch unser Hotelportier hat ein viel Schteres als Wala besitzt. Ich ziehe Ueli, der mit einer Inderin verheiratet ist zu Rate. Er sagt er kennt das Problem, bloss kein Bargeld fliessen lassen. Seine Frau wird regelmässig von ihrer Familie angebettelt. Sie kommt deswegen nur selten und nur kurz nach Indien, sie bleibt alleine in der Schweiz zurück während Ueli durch Indien reist.
Zum Eklat kommt es am 24. Dezember. Ich habe Wala zur Mitternachtsmesse in die St. Thomaskathedrale eingeladen. Zerkratzt kommt sie zum Fest, ein heftiger Streit war am Nachmittag ausgebrochen. Die Schwägerin und die die Oma sind auf sie losgegangen. Sie will mit mir einige Tage nach Mamallipuram, sie will nicht mehr bei ihrer Familie auf der Strasse übernachten.
Zur Kathedrale gingen wir aber trotzdem hin und es war eine grosse Freude für sie. Ich habe ca 100 Rupien in Münzen gesammelt, diese sollte sie den Armen vor der Kathedrale verteilen, was sie mit grösster Genugtuung auch machte. Eine Bettlerin verteilt unter dem gestrengen Blick der Polizei Almosen. Das tut richtig gut.
Sie will nicht bei ihrer Familie schlafen und zieht den Beach als Schlafplatz vor. Ich riet ihr dringend davon ab. Sie sei sehr wehrhaft, aber auch die Polizei sei sehr gefährlich, also versuchte sie in einer Rickshaw, ‚Scooter‘ (ein Dreiradtaxi das zur Reparatur nahe bei meinem Hotel Broadland stand) zu übernachten. Sie stieg sofort wieder aus, es sei zu gefährlich. Ich fragte sie warum, da zeigte sie auf einen Mann in einer Ecke. Sie gehe nun zu einer Freundin in ein Haus, sie müsse jedoch 200 Rs mitbringen.
Diese bekam sie und ich beobachtet sie bis sie um eine Ecke bog, der Mann folgte ihr nicht.
Am nächsten Tag fragte ich sie ob ich mit ihrer Familie sprechen solle. Sie lehnte das ab. Jedoch nach drei Tagen willigte sie in eine Vermittlung ein. Wir gingen gemeinsam zu ihrer Oma. Ich achtete darauf, dass die Shopinhaberin, eine Muslimin, das Gespräch verfolgen konnte. Die Oma versteht kein Englisch, ich redete halt mit Händen und Füssen. Ich zeigte der Oma meinen Geldbeutel und bedeutete ihr, dass Wala kein Geld bekommt, nur ein Mobil, Sari und Essen und dass davon auch die Oma profitiere. Die Oma sagte etwas und Wala wollte auf
die Oma losgehen, was ich verhinderte. Nach einigen beschwichtigen Worten war die Oma zufrieden und reichte mir die Hand und nach meiner Aufforderung bekam auch Wala ihre Hand.
Wala bestätigte mir später die Versöhnung und die Oma bekam weiterhin ihr Essenspaket. Der Fiede im Strassenslum war wieder eingekehrt.
Wala hat Neider, viele wollen auch ein Mobil, sogar der Portier vom Broadlands wollte ein neues, besseres Teil. Andererseits hat sie auch gute Freunde, der TukTuk-Fahrer bekommt Kunden durch sie, auch an die umliegenden Shops vermittelt sie Touristen. In Restaurants wird sie sogar alleine eingelassen. Man vergrault sich sich schliesslich nicht den wertvollen Touristenmagneten. Ihr Händi darf sie in einem solchen Shop aufladen.
Mein Portier erzählt mir, dass im Mai eine harte Zeit ausbricht, die Touristen bleiben weg. Was tun, dem Portier 1000 Rs zu geben, damit er diese in Portionen an Wala zu dieser Zeit geben solle, verwerfe ich sofort wieder, sie wird das Geld nicht bekommen. Wala spart nicht sie gibt alles sofort wieder aus. Ich beschliesse ihr Schmuck zu kaufen und habe die Hoffnung, dass sie diesen nur in äussester Not verhökert. Wir gehen in einen Schmuckladen um die Ecke. Sie sucht sich gleich mal schweren Silberschmuck fürs Fussgelenk aus, Preis 11000 Rs.
Ich bedeute ihr, dass dies viel zu teuer wäre und kaufe stattdessen eine goldene Halskette für 4000 Rs. Jedem solle sie sagen es sei ein Messingding. Ja klar sagt sie.
Wala ist eifersüchtig. Ich gehe mit der Hebamme Verena aus Berlin nach dem Konzert nach Hause, Wala lässt sich nicht blicken, dabei bin ich mir sicher, dass sie mich sieht. Sie hat Adleraugen, ihr entgeht nichts. Ich rufe sie vom Hotel aus an. Ja, sie hat mich mit einer ‚fremden‘ Frau gesehen. Jedoch der Hunger ist stärker, sie geht mit mir ins Restaurant. Am Vorabend meiner Abreise darf sie sich ein Restaurant auswählen. Am Nachmittag treffe ich ihre Freundin mit ihrem kleinen Sohn und lade sie auch zum Essen ein. Nach einer Stunde ruft mich Wala an, ich solle sofort vors Hotel kommen. Wortlos übergibt sie mir ihr Mobil und kramt den Schmuck unter ihrem Sari vor, ich solle alles behalten und rennt weg. Was tun, ich weiss es nicht. Nach einer Stunde ruft sie mich an, die Fotos, die ich für sie besorgt habe, ja die will sie haben. Ich schmuggle die Goldkette ins Album mit ein und übergebe ihr die Fotos. Natürlich sieht sie bald das Kettchen, das rührt sie, sie wird gesprächig. Das ganze Quartier wisse, dass ich ihre Freundin zum Essen eingeladen hätte, welch eine Schande und sie erfahre dies von allen Bewohnern, welch eine Schande für sie. Ich beruhige sie, dass sie selbstverständlich die Wichtigste wäre und ich auch nicht vorhatte mit der Freundin alleine zum Essen gehen würde. Sie beruhigt sich und wir gehen gemeinsam mit ihrer Freundin ins neue ‚französiche‘ Restaurant, das sie ausgesucht hatte.
Mein Abreisetag ist da, Wala bringt mich zum Bahnhof.

Sie hat mich noch einmal angerufen, sie arbeitet wieder in der Kupferdrahtwerkstatt und wollte eine Geldsendung, dies wollte ich jedoch nicht schicken. Ein Tag später ist ihr Telefon verstummt. Hat sie ihr Telefon verkauft? Wurde es gestohlen? Ich weiss es nicht. Ich hoffe sie schlägt sich weiterhin durch ihr Leben und heiratet bald einen ‚guten‘ Mann, der alle ihre Wünsche erfüllen kann.

Rvela's Schwester .... vor drei Jahren mit ihren beiden Kindern

Die Freundin von Wala vor drei Jahren, jetzt ist diese verheitet und hat einen 1 jährigen Sohn

mit neuen Jeans, die hat sonst kein Strassenkind

mit Schwester, ihr Mann versäuft das Familieneinkommen, man siehts ihr an

Walas Geburtstagstorte so süsses Zeugs isst sie nicht

Im neuen Sari

Weihnachtsgebet in der St. Thomaskadredrale

Erzbischof von Madras Mylapore

viele Tausend Mitternachts Messebesucher

'Ich kann auch auf so einem Roller fahren' sagt Wala

Wala bei der Almosenvergabe, das tut gut!

Geschenke verteilen ... sie fühlt sich wie der Weihnachtsmann

Rvela im Restaurant, immer nimmt sie ein Esspaket für die Oma mit

ab hier NEU

Wala mit ihrem neuen Kleid mit ihrer Freundin

bereit für den Mammalipuram Ausflug

Mamallapuram


Größere Kartenansicht

... diesmal mit südinschem Blumenschmuck

das neue Kleid darf auch ins Wasser

Lachen? Nein, Wala findet ihre Zähne nicht schön! Auf Fotos muss der Mund immer geschlossen sein, weil sonst böse Geister eindringen könnten.

wichtig ist der grüne Rasen, sowas haben nur reiche Leute. In den Hindutempel geht sie nicht hinein, sie ist Katholikin.

4 thoughts on “Rvela das Strassenkind

  1. Reply ______s Jan 15,2011 11:56

    hi leo

    heute habe ich mit aude abgemacht, dass wir, sobald du zurück bist… in der schweiz… zusammen essen gehen. (indisch?)

    ______s

  2. Reply Brigitte Schoebi Jan 16,2011 20:14

    Eine interessante und schöne Geschichte. Vielen Dank dafür!
    Brigitte

  3. Reply Leo Jan 17,2011 07:46

    Das freut mich sehr, dich und Aude wiederzusehen. Es dauert gerade 1 Monat. Heute fliege ich nach Bangkok und am 17. Feb. nach Zürich. Wo ich gerade bin weisst du ja. Siehe dein Webstat.

  4. Reply daniela Jan 27,2011 23:55

    wundersame geschichte! nunleo, wie ich sehe, wirst du erst dann zurück sein, wenn ich schon in saigon angekommen bin. treffen wir uns also nach meiner rückkehr!!

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